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01.03.2012 20:30

LJO präsentiert «Three by Three» - Ortler/Schultze/Grottschreiber

Jazzkantine Luzern


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Interview mit Claudio Puntin

Claudio Puntin

Ein Gespräch mit Claudio Puntin über das Projekt «Berge versetzen»


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Interview mit Claudio Puntin

Claudio Puntin

Welche Berge werden versetzt?

Berge versetzen bedeutet, die Kraft zu haben um grosse Dinge zu stemmen. Für mich bedeutet es auch die Phantasie wandern zu lassen, sie kann alles überall hin bringen. In ihr ist überall immer alles möglich, so sagte mir mein Vater als ich ein Kind war, und Du hast sie immer bei Dir. Die Phantasie versetzt Berge ohne physischen Platz zu beanspruchen. Allerdings ist dafür geistiger Platz nötig, Hall und Bergluft in Einem drin, Durchlässigkeit, Raum.
 

Wie ist die Idee zu diesem Projekt entstanden?

Anlässlich der Preisverleihung des WDR-Jazzpreises ist Lucas Schmid, der Manager der WDR Big Band auf mich zugekommen mit einer Idee: Ich solle mir doch Gedanken machen, Musik für grosses Jazzorchester mit schweizerischem Flair zu schreiben. Auf Anhieb spürte ich grosse Lust dazu und irgendwie auch der Richtige dafür zu sein.
 

Was macht diese CD und allgemeiner dieses Projekt einzigartig?

Das Projekt ist in jeder Hinsicht einzigartig. «Berge versetzen» hat von Anfang an den Charakter gehabt, sich zu einem ART-Produkt zu entwickeln welches einer ganzheitlichen künstlerischen Umsetzung würdig ist. Ohne Kompromisse konnten alle Bereiche ästhetisch und nach eigenen Ideen umgesetzt werden. Die Kette der dazu nötigen Voraussetzungen hielt, auch weil alle Involvierten bereits vor der eigentlichen Produktion Vertrauen in ein gutes Grundprodukt, also in Musik und Musiker, hatten.
 

Wie sah der Arbeitsprozess während des Schreibens der Musik aus? Ging der Schreibprozess konstant voran oder war die Musik wurfähnlich da?

Wenn ich komponiere fliessen die Ideen fast immer flüssig, oft zu schnell um festgehalten zu werden. Der Schreibprozess ist im Gegensatz zur Improvisation viel langsamer. Improvisation ist ja Gegenwartskomposition, Instant-Composing. Ich bezeichne mich viel lieber als Improvisator oder eben als Instant-Composer. Ich denke, an einem einzigen Tag ist es möglich sehr viel Ideenmaterial zu generieren, welches in der Verarbeitung dann mehrere Wochen einnehmen kann. Diese Musik habe ich grösstenteils während eines Aufenthaltes in Sardinien zwischen morgens um sieben und zehn in drei Wochen komponiert und grösstenteils auch instrumentiert. 
 

Wie ist der Zusammenhang von Musik und Wort bzw. Lyrik und wie hat sich das gegenseitig beeinflusst?

Die Gedichte von Sabina Naef haben mich sofort angefasst, ihre genauen Gefühlsbeschreibungen ohne jeglichen Pointen oder Höhepunkte erinnern mich an japanische Haikus. Aus zwölf von der pro Helvetia zur Verfügung gestellten Poesie-Bänden zeitgenössischer Schweizer Lyriker hat sich dieser sofort favorisiert.
Die Gedichte hinterlassen ein Gefühl, ähnlich dem unbeschreibbarer Erinnerungen aus der Kindheit, wie zum Beispiel den Stimmen der Eltern während einer langen Autofahrt, oder den Geruch einer Seife in einer Ferienwohnung, oder das Gefühl einer von der Sonne noch warmen Mauer am Abend. Ich habe gesucht, nach musikalischen warmen Mauern. Der Anfang dieser Gefühle, die dann zu Musik wurden, wuchs aus den Gedichten. Natürlich habe ich für die Lieder auch eine Stimme gebraucht hinter der ein Mensch sein musste, der das Gefühl einer warmen Mauer spürt. Diese Stimme gehört Insa Rudolph, und das ist ein Glücksfall für die Musik.
 

Wie viel von der Musik auf der CD war von Dir im Vorhinein geplant und wie viel entstand durch die Zusammenarbeit mit dem Orchester im Moment?

Die Musik ist nicht in Gedanken an ein gewisses Orchester entstanden, was ja oft auch ein kompositorischer Ansatz sein kann. Diese Musik ist allerdings erst mit dem Lucerne Jazz Orchestra auferstanden und konnte zu dem werden, was in mir war als ich sie komponiert habe. Nachdem ich mit dem LJO gespielt hatte habe ich alle Stücke nochmal umgearbeitet und präzisiert. Während der Produktion sind viele improvisatorische Komponenten entstanden, die nicht geplant waren. In einigen Fällen wurde nur ein einziger Take eines Stückes gemacht, der in sich wie neu komponiert wurde. Ein gesamtes Orchester wird zum Co-Komponist in Echtzeit. 
 

Wie gestaltete sich die Gratwanderung Kitsch/Romantik/Klischee zu eigener Identität und Identität des Orchesters?

Das sind Begriffe die nie in einem wirklich kreativen Prozess Platz haben. Das Kreieren ist losgelöst von Begrifflichkeiten. Die Begriffe selbst sind die eigentlichen Klischees und entstammen Denkprozessen. Künstlerisches Tun ist befreit davon, und das ist das Schöne. Menschen lieben es, eigene Meinungen und Geschmäcke zu äussern und sich damit zu positionieren. Das ist aber je nach Tradition, Trend, Epoche und Kulturbereich weltweit immer wieder anders und hat weder mit Qualität noch mit den Prozessen Erleben und Kreieren was zu tun. Im Umfeld heutiger Kunstmusik stelle ich oft eine strenge Ablehnung erkennbarer Strukturen wie Tonalität oder Puls fest. Ebenso stelle ich aber fest, wie wenig Akteure zeitgenössischer Musik mit deklariertem hohem Kunstanspruch wirklich musikalisches Talent haben. Die Freiheit beginnt da, wo das Gut der Tradition zu einem Selbst geworden ist und Selbständigkeit wieder daraus erwachsen kann. Dazu braucht es Bescheidenheit. Dieses Orchester besteht aus jungen hochintelligenten künstlerischen Menschen die sich der Musik widmen, wie auch immer sie geartet ist, und sie erkennen sofort wann sie «wahr» ist, unabhängig von ihrer Stilistik.
Mich interessieren nur noch Gefühle die ich erleben kann. Und was zur Umsetzung dieses Erlebens an Substanz nötig ist, möchte ich zu Meinem machen, so gut ich kann.
 

Wie kam der Kontakt zum LJO zustande? Warum hast Du dieses Projekt gerade mit dem LJO durchgeführt?

Ein Anruf von David Grottschreiber war es. Er lud mich ein meine Musik mit dem LJO zu spielen. Daraus wurde ein Konzert, und daraus grosse Begeisterung die dann zu dieser Produktion führte.
 

Wie war die Zusammenarbeit mit dem LJO? Was hast Du durch das Orchester gelernt, entdeckt?

Dieses Orchester zieht an einem Strick, und zwar auf eine Weise, die ich noch nie erlebt habe. Alle sind auf einer Wellenlänge, verstehen viel von Toleranz, von Teamgeist und Individualität, menschlich und musikalisch. Jeder ist ein Orchesterspieler und auch ein eigenständiger Solist und Komponist. Der gemeinsame Atem dieser Band, die Aufmerksamkeit und vor allem die Lust an der Sache ist sehr ansteckend und gibt Kraft für starke musikalische Momente. Ich habe einmal mehr gesehen was möglich wird, wenn man Tun lässt. Auch Kompositionen sind nicht festzuhalten. Sie habe ihr Eigenleben, sind immer wieder neu, anders. Die Durchlässigkeit zugunsten jeder Variabilität ist für mich die Schule, in der der Mensch Verstehen lernt. Mit Steffen Schorn konnte ich meinen vertrautesten Musikerfreund als Produktionsleiter gewinnen. Er hat für viele Dinge einen enormen Radar und kann Energien spüren wie wenig andere Menschen. Ich sagte ihm, wissend um seine unglaubliche Schnelligkeit im Erfassen und Erlernen von Musik, schau Dir keine Partituren an, studiere gar nichts. Komm einfach her und spüre und leite diese Produktion wie Du es für richtig hälst. Du musst nur dafür sorgen dass wir in der Zeit fertig werden. So war es auch.
 

Wie gestaltete sich die Zusammenarbeit mit Martin Stützle und wie kam sie zustande? Warum entstand eine solch aufwändige Verpackung?

Ich hatte wie so oft während einer Sitzung mit einigen Mitgliedern des Orchesters eine spontane Idee. Ein Berg soll als Pop-up im CD-Cover beim Öffnen aufstehen, überall wo die Musik gehört werden will soll er erscheinen. Diese Idee ruhte in mir. Auf einer Veranstaltung in Berlin lernte ich dann Martin kennen und dachte, das ist der Richtige dafür. So nahm die Fortsetzung der visuellen künstlerischen Gestaltung ihren Lauf. Martin Stützle ist eine bemerkenswerte Künstlerpersönlichkeit, der seine Visionen punktgenau trifft und umsetzten kann. Er besitzt die Fähigkeit die Wirkung einer Arbeit auf den Betrachter oder, im Falle einer Verpackung, den Konsumenten vorauszusehen und geht in die Emotion hinein, sei es als Materialgestalter, Aquarellist, Drucker, Fotograf oder Grafiker oder eben auch Musikhörer.
 

Die Musik, das Orchester, ein Künstler, ein Filmteam im Studio, eine sehr aufwändige Verpackung – woher nimmst Du alle diese Ideen?

Wenn ich das wüsste! Ich glaube es ist die Lust am Schönen.
 

Im Rückblick, kam das Projekt so raus wie es von Dir angestrebt wurde?

Besser! Das Wachsen so vieler Prozesse und die Konkretisierung von Ideen bis zu deren Umsetzung ist immer wieder eine neue Reise. Das kann man nicht alles vordenken, da wird man emporgehoben vom Tun. Eben... Berge versetzen!
 

Wo führt das Projekt hin? Was wird weiter damit geschehen?

Ich hoffe, dass wir «Berge versetzen» auf viele Bühnen im In- und Ausland bringen können. Ich weiss dass sehr viele Menschen daran sehr viel Spass haben könnten. Für diese Organisation brauchen wir noch etwas Hilfe. Und wenn es dann so wird wünsche ich mir, dass die Konzerte eine kleine Inszenierung feinster Art erfahren können. Ideen dazu habe ich bereits. Das wäre dann die Vervollkommnung einer fast zweijährigen Arbeit die bisher schon sehr viel Glück gebracht hat.

Das Inteview führte Linus Hunkeler
Luzern im August 2010