Gespräch mit David Grottschreiber
musikalischer Leiter des Lucerne Jazz Orchestra
Was war der Ausschlag gebende Grund für die Gründung des LJO?
Ursprünglich gegründet wurde das LJO von Jan Schreiner, Matthias Tschopp und mir. Wir alle haben schon immer viel in Big Bands gespielt und kennen gelernt haben wir uns tatsächlich alle im deutschen Bundesjugendjazzorchester BuJazzO (damals unter Leitung von Peter Herbolzheimer). Durch diese Affinität zur Big Band kam das Verlangen nach der Möglichkeit, zeitgenössische Musik für Jazzorchester auf professionellem Niveau zu spielen.
Für mich persönlich als Komponist ist das darüber hinaus natürlich eine einmalige Gelegenheit, regelmässig meine Kompositionen erarbeiten und hören zu können.
Was ist das Besondere an Big Band Musik? Worin besteht für dich die Faszination?
In erster Linie hat eine Big Band natürlich das Potential, die Energie von 18 Musikern zu bündeln, zu transportieren und diese auf verschiedenste Arten einzusetzen - sei es in kräftigen Tuttis, in (Kollektiv-) Improvisationen oder auch unisono im pianissimo.
Kompositorisch besteht hier die Möglichkeit, viele verschiedene Farben einzusetzen, insbesondere wenn man Alternativinstrumente mit einbezieht.
Letztendlich gibt es ausserdem sowohl musikalisch als auch sozial die Komponente des Zusammenspiels und Aufeinander-Hörens von vielen Individuen - in dem Ausmass eine seltene Erfahrung im Jazz.
Wie kann ein solch aufwändiges und teures Projekt überleben?
Ein professionelles Ensemble in dieser Grössenordnung kann sich unmöglich selbst finanzieren, und die Ausgaben für regelmässige Konzerttätigkeiten sind natürlich immens. Trotz öffentlicher Unterstützung hat das LJO bislang in erster Linie durch den Idealismus jedes Einzelnen überlebt, was überhaupt keine Selbstverständlichkeit ist.
Zukünftig wünsche ich mir, dass das LJO auf finanziell sicheren Beinen stehen kann durch Unterstützung aus öffentlicher und privater Hand. Leider ist die Präsenz und das Ansehen derartiger Jazzformationen in der Öffentlichkeit nicht gerade überwältigend, verglichen mit anderen professionellen Ensembles. Sowohl für die öffentliche Rezeption wie auch für das finanzielle Rückrat spielt der Förderverein dabei eine grosse Rolle. Zur Zeit sind wir aktiv daran, neue Partner zu suchen, die das LJO unterstützen und fördern möchten.
Was für eine Rolle spielt für dich die improvisierten Solos, die Solisten?
Während seit jeher improvisierte Soli zentraler Aspekt im Jazz sind, gibt es heutzutage dort ja alles von komplett freier Improvisation zu komplett ausnotierter Musik. Nicht zuletzt die Tatsache, dass im LJO 18 begnadete Solisten spielen ist ausschlaggebend dafür, dass diese auch zu Wort kommen sollen.
Dabei ist es mir oft wichtig, das Solo in eine bestimmte Richtung zu lenken, was natürlich auch dadurch erleichtert wird, dass ich im Hinterkopf habe, welcher Musiker konkret ein Solo spielen soll. Andererseits entstehen besonders spannende Momente oftmals gerade dann, wenn der Solist mich überrascht durch etwas, was so nicht geplant war.
Warum ist Luzern im Namen dieser Big Band? Was ist ihr Bezug zu dieser Stadt?
Luzern ist sozusagen die «Homebase» der Band; hier finden unsere monatlichen Konzerte statt, ein grosser Teil der beteiligten Musiker stammt aus Luzern und die meisten haben an der Jazzschule Luzern studiert.
Gleichzeitig hat Luzern auch international einen exzellenten Ruf als Musikstadt, insbesondere durch Institutionen wie das Lucerne Festival, das KKL oder das Luzerner Sinfonieorchester. Es ist da nahe liegend, dass sich auch hier ein professionelles Jazzorchester ansiedelt- ähnlich wie das Brussels Jazz Orchestra, Stockholm Jazz Orchestra, Cologne Contemporary Jazz Orchestra etc. in musikalischen Metropolen beheimatet sind.
Bitte beschreibe den Prozess des Komponierens in ein paar Worten.
Manchmal steht ein konkretes Ausgangsmaterial am Anfang des Prozesses - sei es ein Text, ein Motiv oder eine «musikalische Zelle», wie ein Rhythmus, ein Intervall oder Ähnliches. Durch Herumexperimentieren und -spielen damit entsteht bei mir irgendwann ein inneres Gefühl für das noch ungeschriebene Stück, für den «Mood» des Stückes. In einem meist sehr langwierigen und anstrengenden Prozess versuche ich, diesem auf den Grund zu gehen und auszuformulieren. Manchmal kommt das Ergebnis dem Ausgangsgedanken nahe, manchmal verwerfe ich diesen aber auch wieder komplett, wenn sich etwas Anderes entwickelt.
Was hörst du im Moment am meisten?
Wenn ich «aktiv» Musik höre ist dies zur Zeit meistens solche, die relativ wenig mit der Musik zu tun hat, die ich schreibe. Mich faszinieren ungewohnte Klänge, zum Beispiel in zeitgenössischer klassischer Musik oder neuerdings auch elektronischer Musik.
Gleichzeitig ist «klassische» Jazzmusik wie die von Duke Ellington für mich unsterblich und immer wieder frisch und inspirierend.
Angefangen hast du das Musikstudium ja als Posaunist. Heute bist du ausschliesslich als Komponist tätig und stehst nur noch als Dirigent auf der Bühne. Vermisst du nicht das Spielen?
Ja, unter Anderem vermisse ich den physischen Aspekt des Spielens und wäre oftmals gern mehr Teil der Band; auch wenn manche die Rolle des Bandleiter als «gehobene Position» ansehen, steht man der Band nun mal gegenüber anstatt in ihr.
Immerhin muss ich nicht nur im stillen Kämmerlein sitzen und komponieren sondern kann meine Musik regelmässig «live» erleben. Um wieder aktiv spielen zu können bräuchte ich schon recht viel Zeit zum Üben, die ich zur Zeit leider nicht habe.
Das Gespräch führte Aurel Nowak
Luzern im September 2009




